Minnieur
Schlesische Rezepte
 

Boyadel

Geboren wurde ich 1954 in Düsseldorf.
Ich war somit der erste Sproß meiner Familie, der im schönen Düsseldorf geboren wurde. Meine Mutter kam aus Niederschlesien, mein Vater aus dem Egerland. Die ehemalige Heimat meiner Eltern möchte ich hier ein bisschen vorstellen.

Beginnen möchte ich mit Boyadel, dem Geburtsort meiner Mutter.

Zwischen Oder und Obra lagen zehn Dörfer mit zehn Vorwerken, die als die “Boyadler Güter” zusammengehörten.
Adam Wenzel von Kottwitz erwarb sie 1689 von den Glogauer Jesuiten.
22 Jahre später, im Jahre 1702, teile von Kottwitz seinen Besitz unter seinen fünf Söhnen auf.  Sohn Adam erhielt Boyadel und baute 1707 dort ein Schloß.
Sein Bruder David Heinrich erbte nach ihm Boyadel und erbaute 1735 das Schloß in seiner heutigen Form. Sein Sohn Rudolf Gotthard ließ später die beiden Türme anbauen, wodurch eine ungewöhnliche und reizvolle Anlage entstand, die in ihrer Ausgewogenheit ein harmonisches Zeugnis der Zeit ist.
Im Jahre 1905 kaufte Reinhard von Scheffer-Boyadel
Reinhard von Scheffer das Schloß, das zuvor 325 Jahre in den Händen der Familie von Kottwitz war.
Nach dem Tod von Reinhard von Scheffer - Boyadel am 8. November 1925 übernahm sein Sohn Adolf Freiherr von Scheffer- Boyadel bis 1945 die Herrschaft. 
 

Am 18.04.1875 wurde aus den Landgemeinden Boyadel, Dieckstrauch, Hohwelze, Kern, Polame, Polke, Schoslafe und Schoslofske und den Gutsbezirken Boyadel und Hohwelze der Amtsberzirk Boyadel 15.
 

Anfang der neunziger Jahre war ich das erste Mal In Boyadel.
Mit Fritz, einem Cousin meiner Mutter, der in Eisenhüttenstadt lebt, fuhren wir an einem schönen Sonntag im Juli zunächst nach Grünberg und dann weiter nach Boyadel.
Mit der Fähre setzten wir bei “Fährkutschen” über die Oder und dann durch weite Felder Richtung Boyadel, das heute Bojadla heißt. Beim Anblick der vielen Felder verstand ich, warum man früher Schlesien die Kornkammer Deutschlands nannte.
Und dann tauchte Boyadel auf. Umschlungen von vielen Bäumen, aus denen nur ein paar Dächer herauslugten.
Wir fuhren durch Boyadel.
Das Schloß konnten wir damals nur von außen anschauen.
Die Kirche ist heute eine katholische Kirche.
Das Haus meines Urgroßvaters Fritz Erdmann Lange steht nicht mehr. An seinem Platz hat man eine Bank errichtet. Auch von der Stellmacherei der Langes war nichts mehr da, ein leeres Grundstück.
Das Haus von Opa Ernst Dimke steht noch. Als wir dort waren trafen wir das Ehepaar, welches heute dort lebt, bei der Gartenarbeit. Dank Fritz, Mamas Cousin, der fließend polnisch spricht, haben wir uns sehr nett unterhalten. Von Dimkes Schmiede, gegenüber dem Wohnhaus, steht nur noch der Schornstein.
Meine Urgroßmutter  war Marie Henrion. Die Henrions besaßen damals einen Kolonialwarenladen. Nicht weit weg von Schloß und Kirche, fast mitten im Dorf. Das Haus steht auch noch. Zwar sind die Kletterrosen, die damals das Haus umrankt haben nicht mehr da, und den Laden gibt es auch nicht mehr, aber sonst sieht es noch ganauso aus, wie auf den Bildern, die ich kannte. Die jetzige Hausherrin war sehr freundlich, und wir durften eintreten. Das Geburtshaus meiner Mum, das war schon ein Gänsehautgefühl.
Die Schule, an der wir auch  vorbeikamen, sah damals  nicht viel anders aus, als heute, die Windmühlen, die man oben auf dem Bild sieht, stehen heute auch nicht mehr, aber die “Mühlberge” wie man die leichten Erhöhungen nannte, auf denen die Mühlen standen, und auf denen die Kinder damals gerodelt haben, haben wir und angeschaut.
Am Ende des Dorfes lag der Friedhof. Dort liegt er heute immer noch.
Natürlich sind die Gräber von damals lange eingeebnet, es gibt kein deutsches Grab mehr dort. In einem kleinen Waldstück neben dem Friedhof fanden wir noch ein paar Überreste deutscher und polnischer Grabsteine, aber man konnte die Namen nicht mehr zusammenfinden, die auf den Steinen standen.
Mein Besuch in Boyadel war für mich sehr schön.
Da ich alles, was ich über Boyadel wußte nur aus Erzählungen kannte, war ich sehr froh, vieles noch so anzutreffen, wie es früher aussah.
Vielleicht führt mich mein Weg noch einmal in die Heimat meiner Vorfahren.